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25
Sep

Miss Saigon und das zweifelhafte Buffetsystem

von Ines Bresler 

In der Bonner Innenstadt, nahe der Kaiserpassage, verweisen eine rote Leuchtreklame und die Gestalt einer asiatischen Frau auf das Buffet-Restaurant „Miss Saigon“. Benannt nach dem berühmten Musical ist das „Miss Saigon“ irgendwo zwischen Restaurant und Kantine einzuordnen. Man betritt einen Raum, in dem sämtliche asiatische Gerichte, die einem Durchschnittsmitteleuropäer bekannt sind, angeboten werden: von chinesischen Miniloempia über vietnamesisches, koreanisches, thailändisches Essen bis hin zu japanischem Sushi und einer kleinen Salatbar.

Verfahren wird folgendermaßen: Der Gast wählt zwischen einem kleinen (4,20 €) und einem großen Teller (5,30 €) und kann diesen nun einmalig bis zu einer Höhe von 5cm mit allem füllen, was sein Herz begehrt. Auch Getränke sind selber zu zapfen bzw. aus dem Kühlschrank zu nehmen. An der Kasse werden dann eingetütetes Krabbenbrot und Glückskekse angeboten. Man möchte ja schließlich kein asiatisches Klischee auslassen. Sodann macht man sich mit seinem Tablett auf den Weg zum Essbereich im Erd- und Obergeschoss, welcher trotz netter Dekoration ein wenig steril wirkt. Während der Mahlzeit wird man von asiatisch anmutender Musik, oder, wenn man Pech hat, von Modern Talking berieselt. Das Essen an sich ist zwar kein kulinarisches Ausnahmeerlebnis, aber dennoch gut. Allerdings ist es ein wenig problematisch, die verschiedenen Gerichte noch auseinander zu halten, die sich trotz aufmerksamen Ordnens auf dem kleinen Teller doch irgendwie alle zu einem universal-asiatischen Einheitsgericht vermengt haben. Die Wahl des Lieblingsgerichts für das nächste Mal wird sich also als etwas schwierig erweisen. Insgesamt jedoch sind die Qualität des Essens sowie das Preis-Leistungs-Verhältnis bei „Miss Saigon“ annehmbar.

Doch ganz abgesehen von dem Essen gibt es noch einen anderen Grund, der den Besuch eines Buffet-Restaurant wie dem „Miss Saigon“ lohnenswert macht: die außerordentlich interessante Möglichkeit, seine Mitmenschen in ihren Schaufel- und Scheffelgewohnheiten zu beobachten. So kann das Verspeisen der Mahlzeit von Reflektionen über das seltsame Verhalten erwachsener Großstädter bei der Nahrungsaufnahme begleitet werden. Kommen wir beispielsweise noch einmal auf das oben genannte Höhenlimit zu sprechen, welches darauf schließen lässt, dass es schon mehr als einen Gast in der Geschichte des Restaurants gegeben haben muss, der den Pauschalpreis für einen Teller mehr als bis zum Äußersten ausgereizt hat.

Das Buffet ist eine wichtige Marketingstrategie in der Gastronomie. Ursprünglich als besondere Art der Speisenpräsentation gedacht, bei der jeder Gast sich seinen Vorlieben entsprechen bedienen kann, verkommt es mehr und mehr zu einer Art Wettbewerb, in dem es darum geht, für möglichst wenig Geld möglichst viel zu essen. Und dann stellt sich ja zwangsläufig die Frage nach den Motiven der routinierten Stapelkünstler. Natürlich soll sich ein Buffetangebot mit Pauschalpreis für den Gast lohnen. Aber bisweilen ist es wirklich erstaunlich, mit welcher Schamlosigkeit sich die Leute ihre Teller im Übermaß vollschaufeln, nur um das beruhigende Gefühl zu haben, dass sich ihr Restaurantbesuch für sie rentiert hat. Aus den gleichen Motiven, wie die Menschen sich auf alles stürzen, was es gratis oder preisreduziert gibt, scheffeln sie sich die Teller voll, um bloß kein Minus zu machen. Was im Grunde genommen alles andere als rentabel ist; schließlich bezahlt man im Restaurant – auch im Buffet-Restaurant – ja für Sättigung und Genuss und nicht für ein unangenehmes Völlegefühl nach der Mahlzeit. Da es nicht wenige Besucher gibt, die nach dem Motto „Was ich bezahlt hab muss ich ausnutzen“ leben, müssen die Restaurantbetreiber ihrerseits daraus Konsequenzen ziehen. So kommt es zu Preiserhöhungen, kleineren Tellern oder Auflagen wie dem Höhenlimit für die Befüllung der Teller. Solche Maßnahmen sind unangenehm und bisweilen sogar einschüchternd für jeden, der ein solches Restaurant besucht.

Und nun einmal im Konjunktiv gesprochen: Wäre es nicht entspannender für alle, wenn sich jeder bloß nach seinem eigenen Bedarf bedienen würde, ohne diesen Soviel-wie-möglich-Druck dahinter? Die Preise könnten gesenkt werden, unerfreuliche Maßnahmen wie Höhenlimits etc. wären nicht mehr nötig, und da es auch für die Restaurantbetreiber wieder ökonomisch wäre, könnte die einschüchternde Atmosphäre ebenfalls aufgehoben werden. Ja, wenn.

Momentan ist die aber nicht der Fall, und man muss sich doch ernsthaft fragen, ob ein solches Buffet-System überhaupt ökonomisch sinnvoll für den Gast ist. Eine einfache Antwort: Ja – für die Vielesser. Und na ja – für die Wenigesser. Nur ist das Bewusstsein, dass die anderen den Hunger der einen mitfinanzieren, auf keiner der beiden Seiten gegeben. Man denkt sich: Die können es ja genau so machen. Im Prinzip ist es ja auch nicht unfair, denn es besteht schließlich Chancengleichheit. Nur das es solche gibt, die damit verantwortungsvoll umgehen, und solche, die sie ohne Scham ausnutzen.

Im Grunde lässt sich diese Beobachtung ein wenig mit der sozialen Marktwirtschaft vergleichen. Jener Wirtschaftsordnung, die die Bundesrepublik durch das Streben nach hoher sozialer Sicherheit und Daseinsvorsorge seiner Bürger zu einem Wohlfahrtsstaat gemacht hat. Der Staat richtet mit einem umfassenden Angebot an Sozialleistungen das Buffet an, von dem sich jeder nehmen soll, was er braucht. Und von dem sich in manchen Fällen Leute mehr nehmen, als sie tatsächlich benötigen. Und in dem Bewusstsein, dass „die anderen es ja schließlich genau so machen könnten“ haben sie nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Dabei liegt beiden, dem Buffet-Restaurant ebenso wie dem Wohlfahrtsstaat ein durch und durch gutes Konzept zu Grunde: Jeder nach seinem Bedarf. Und der Durchschnittsbürger und –esser finanziert gerne den mit, der sich ein bisschen mehr nimmt, weil er noch Hunger hat. Doch sind es wie so oft einige schwarze Schafe, die durch ihre Maßlosigkeit das ursprünglich ökonomisch sinnvolle Konzept ad absurdum führen.

Doch nun einmal zurück zur Restaurantfrage: Gäbe es Alternativen zu dem bei näherer Betrachtung doch recht unausgegorenen Buffet-System? Eine Regelung wie an der Salatbar der Mensa zum Beispiel wäre doch kein schlechter Gedanke. Jeder nimmt, nach seinem Hunger und Geschmack, was und wie viel er möchte und an der Kasse wird abgewogen. Die Vielfalt des Angebots bleibt erhalten, doch jeder bezahlt bloß das, was er sich genommen hat.

Oder, anstelle des erhobenen Zeigefingers, der auf die maximale Höhe des Tellers hinweist, ein freundlicher Spruch, der ganz naiv an das Gewissen der Gäste appelliert. Die Kreativität der Gastronomen hinsichtlich ihrer Marketingstrategien ist sicherlich noch nicht ausgeschöpft.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Miss Saigon“ eine gute Anlaufstelle für Freunde asiatischen Essens ist, die über ein kleines Budget und über einen nicht allzu großen kulinarischen Anspruch verfügen. Weiterhin sei zu bemerken, dass Pauschalisierungen in jedem Gebiet stets fragwürdig sind. Auch, was die Preise angeht.



Ein Kommentare zu diesem Beitrag. to “Miss Saigon und das zweifelhafte Buffetsystem”

  1. Andreas Junglas sagt:

    Das Büffet-System mit den Füllhöhen, DAS ist die falsche Lösung.
    Immer wieder gibt es Ärger mit der Füllhöhe.
    Außerdem ist es ein Riesenunterschied, ob man die Sache mitnimmt (dann ist es ok). Oder auf dem kleinen Designteller die Gerichte platziert. Da geht wirklich nur wenig drauf. Eben musste ich Zusatz zahlen, weil ich den Reis in einer Extra-Schale hatte.
    Auf dieses Theater habe ich keinen Bock mehr.
    Hebt den Preis vernünftig an und macht All You Can Eat, wie andere auch!
    Außerdem gibt’s keine Stäbchen mehr. Absolut armselig!

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