16
Mar
Tanz den Staat
Laibach und die Neue Slowenische Kunst
von David Schah
Im Jahre 1987 findet im kommunistischen Jugoslawien ein Plakatwettbewerb zum Thema “Sozialistischer Realismus” statt, den die bis dahin unbekannte Künstlergruppe „Novi Kolektivizem“ (Neuer Kollektivismus) gewinnt. Auf dem Siegplakat sieht man einen unbekleideten Heldenmenschen, der in seiner Rechten einen strahlenden Hammer und in der Linken eine Standarte mit Friedenstaube emporhält. Doch kurz darauf kommt es zu einem unerhörten Skandal: Ein aufmerksamer und offenbar in der Historie totalitärer Werbung bewanderter Belgrader Kommunist ist entsetzt, denn er erkennt in dem Bild ein Werk des NS-Propagandakünstlers Richard Klein. Die „Neuen Kollektivisten“ hatten lediglich den Hakenkreuzadler durch die Friedenstaube ersetzt.
Hinter dieser entlarvenden Aktion steckt das 1980 gegründete Künstlerkollektiv NSK („Neue Slowenische Kunst“). Die NSK besteht im wesentlichen aus den Mitgliedern der vierköpfigen Musikgruppe „Laibach“ aus dem slowenischen Bergarbeiterstädtchen Trbovlje. Bereits der erste Gig der Band ist den kommunalen Behörden aufgrund des teutonischen Gestus sowie der „unangebrachten Verwendung von Symbolen“ nicht geheuer, zumal das NSK-Emblem mit seinem Zahnkranz doch stark an die „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF) erinnert. Über NSK und Laibach wird ein zehnjähriges Betätigungsverbot in Trbovlje verhängt. In anderen Städten Jugoslawiens wie in Zagreb und Belgrad dagegen erlangt Laibach schnell Kultstatus, auch wenn sich auf deren Konzerten zahlreiche Geheimdienstler tummeln. Den Aufstieg der Band kann auch nicht der Umstand stoppen, dass keine jugoslawische Plattenfirma bereit ist, Laibach zu pressen und dass am 11. Dezember 1982 der Sänger und NSK-Sprecher Tomaž Hostnik unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt. Hostnik wird durch Ivan Novak ersetzt. Erste Schallplatten werden vom belgischen Label Laylah und von der Hamburger Plattenfirma „Walter Ulbricht Schallfolien“ produziert.
Internationale Aufmerksamkeit erregt Laibach in England, als der Popmusikpapst und Radiomoderator John Peel (1939-2004) auf sie aufmerksam wird. Peel hatte bereits The Cure, Joy Division, Napalm Death und The Smiths entdeckt. 1986 folgt ein Plattenvertrag mit Mute Records. Als dann auch noch David Bowie die Band als Vorgruppe zu einer Tournee einlädt, versöhnen sich auch die jugoslawischen Kommunisten mit Laibach, die nun als künstlerisches Aushängeschild des vom Zerfall bedrohten Staatsgebildes angesehen werden, und das obwohl Laibach das Spiel mit der rotbraunen Ästhetik auf die Spitze treibt. Die meist martialisch anmutende Musik von Laibach entzieht sich einer genauen Kategorisierung, doch scheinen sich hier Kraftwerk, Marschmusik, Techno und Punk ein Stelldichein zu geben. Eine besondere Spezialität Laibachs sind Cover-Versionen, bei denen das Original totalitär-militaristisch überhöht wird. So werden aus dem Pop-Schmarren „Life is live“ (Opus) sowie aus dem Stones-Song „Sympathy for the devil“ schmetternde Herrenmenschenlieder, die auch noch von Videos flankiert werden, in denen die Laibach-Mitglieder im schönsten Riefenstahl-Pathos posieren. In schnarrendem Deutsch gesungene Lieder wie „Geburt einer Nation“ mit Texten wie „Ein Fleisch, ein Blut, ein wahrer Glaube. Ein Ruf, ein Traum, ein starker Wille. Gebt mir ein Leitbild!“ werden allerdings besonders von deutschen Fans oft als tatsächliche Sympathie für den Nationalsozialismus interpretiert. So fanden sich unter den deutschen Konzertbesuchern in den Frühjahren von Laibach auch einige Skins, die indes bereitwillig und ergriffen auf die Bühnenleinwand starrten, als darauf in Endlosschleifen Filme mit röhrenden Hirschen in freier Wildbahn projiziert wurden.
Da Laibachs Mitglieder die Interpretation ihres Schaffens stets den Kritikern überlassen und sich in Interviews grundsätzlich sybillinisch und zweideutig äußern, machen sie auch keine Anstalten, auf den Faschismusvorwurf zu reagieren, so dass die deutsche Presse die Band zunächst fast einhellig ignoriert oder als Naziband verunglimpft. Sogar eine andere geheimnisvolle jugoslawische Band wird direkt in Sippenhaft genommen, nur weil Laibach-Sänger Novak diese Gruppe als großes Vorbild für die NSK gepriesen hatte: Die radikale Industrial-Band SAT Stoicizmo, welche den musikalischen Futurismus von Marinetti und Russolo konsequent zu Ende führt, wird in der Spex und anderen tonangebenden Musikzeitschriften als faschistoid abgestempelt, obwohl es von dieser Gruppe nur Instrumentaltondokumente in Form von zwei Platten gibt, während die Künstler selbst nie an die Öffentlichkeit getreten sind.
Dennoch gibt es einige Mutige, die Laibach auch in Deutschland ein Forum bieten, etwa der Leiter der Berliner Volksbühne Frank Castorf, der die NSK und Laibach 1993 einlädt. Dieses Ereignis kann als ein Highlight in der Geschichte des Separatismus auf deutschem Boden bezeichnet werden, denn Laibach erklärt das Gelände der Volksbühne zu einem eigenen Staat, dem so genannten NSK-Staat. Besucher bekommen statt einer Eintrittskarte ein Visum ausgestellt. Laibach definieren den NSK-Staat als herrschaftsfreies Gebilde mit wechselndem Territorium. Die einzige bürokratische Einrichtung des Staates ist das Erteilen kostenpflichtiger Visa.
Nachdem Laibach nun Kommunismus und Faschismus künstlerisch demontiert hatte, dachten viele Beobachter, dass mit der Platte „Kapital“ (1993) nun der Kapitalismus aufs Korn genommen würde. Doch eine Nachrichtenstimme im Vorspann des Schlüsselliedes „Wirtschaft ist tot“ lässt erahnen, wer Laibach zufolge dem Kapitalismus die Seele genommen hat: „IG Medien fordert für die 120.000 Beschäftigten 11 Prozent.“
Der gemeinsame Nenner der Zielrichtung wird bereits beim Eingangslied der ersten LP deutlich: Država („Der Staat“). Für Laibach scheint dem Staat etwas grundsätzlich totalitäres innezuwohnen, egal ob er sich sozialistisch oder wirtschaftsfreundlich gibt. Das gesamte NSK-Projekt erscheint als eine Parodie auf den Staat mit den Mitteln der totalitären Überhöhung. „Das Individuum gilt nichts; was zählt, ist allein die Truppe”, behauptet Ivan Novak über das NSK-Kollektiv, und im Grundsatzprogramm heißt es für Laibacher Verhältnisse ungewöhnlich offen: „Jede Kunst ist politischer Manipulation unterworfen, außer jener, die die Sprache eben dieser Manipulation spricht.“
Dass die meisten Laibach-Fans ihre Idole eben aufgrund des zur Schau gestellten Totalitarismus lieben, ist eine weitere ironische Parallele zur Wirklichkeit: Der Staat kann machen, was er will, doch seine Notwendigkeit wird von den Menschen fast nie in Zweifel gezogen.
Literatur:
testcard, Beiträge zur Popgeschichte. Nr. 1 (1995)
Internet:
www.nskstate.com (Homepage des NSK-Staats)


